Max-Herrmann-Preis 2012 an Micha Ullman

Micha Ullman
© Carola Seifert

Der israelische Bildhauer Micha Ullman erhält 2012 den Max-Herrmann-Preis. Zum Gedenken an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz schuf er 1995 das Mahnmal „Bibliothek“. In der Mitte des heutigen Bebelplatzes ist eine quadratische Glasscheibe in das Pflaster eingelassen. Erst der Blick in die Tiefe führt in das Mahnmal: ein unzugänglicher Raum, Tag und Nacht von grellem, weißem Licht beleuchtet, mit leeren Regalen. Daneben, auf zwei im Boden eingelassenen Tafeln, wird Heinrich Heine zitiert: Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. Eine Bibliothek ist ein Ort des Sammelns, der Bestandsvermehrung und des Bewahrens, aber auch der Erinnerung und Selbstvergewisserung – die „Bibliothek“ Ullmans hingegen ist hermetisch verschlossen, unveränderbar leer. Das Mahnmal „Bibliothek“ weist so über das Ursprungsereignis seines Entstehens hinaus und lässt dem Betrachter die Fragilität und Verletzbarkeit der Kultur bewusst werden. Aus dem Zeichen der Erinnerung wird ein Ort, an dem Verlust und Verschwinden zu einer dauerhaften Form gefunden haben. Gegen jede Form der Intoleranz, der Unterdrückung geistiger Freiheit und der Vernichtung Andersdenkender steht das Mahnmal „Bibliothek“.
Micha Ullman wurde 1939 in Tel Aviv geboren, wohin seine Eltern bereits 1933 aus Deutschland emigriert waren. Nach dem Studium in Jerusalem und London kam er erstmals 1976 nach Deutschland. Zweimal nahm er an der documenta in Kassel teil und wirkte von 1991 bis 2005 in Stuttgart als Professor für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste.