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Herz und Mund und Tat und Leben


Originale Notenblätter von Johann Sebastian Bach für lange Zeit gesichert

Am 30. März 2004 dankten die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Barbara Schneider-Kempf, und die Vorsitzende der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V., Erika Neubert, den 1.100 Spendern aus aller Welt, die mit ihrem privaten Engagement die Restaurierung der Autographen Johann Sebastian Bachs finanzierten.

Innerhalb von vier Jahren kamen 1,8 Millionen Euro zusammen, die für die Restaurierung von 3.579 Blättern der Kompositionen Bachs eingesetzt wurden. Diese Notenblätter aus Bachs Autographen waren durch Tintenfraß schwer geschädigt und wurden mittels Papierspaltverfahren behandelt. Zur abendlichen Festveranstaltung im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek kamen neben vielen Spendern und weiteren Gästen auch der Bundespräsident Johannes Rau, der sich für das BachPatronat stets persönlich sehr engagiert hatte.

Unter besten Bedingungen aufbewahrt


Portrait von Johann Sebastian Bach Die Bach-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin wird in der Musikabteilung im Haus Unter den Linden 8 unter optimalen Bedingungen aufbewahrt – im fensterlosen Raum mit Stahltresoren mit Alarmanlage bei kaltem Licht, 50-55% relativer Luftfeuchtigkeit und 18 Grad Celsius. Die Bibliothek besitzt etwa 80 Prozent aller erhaltenen Werke von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750), das sind rund 300 Werkautographen mit ca. 7.000 Blättern; nach Zyklen aufgeteilt und dem Bach-Werke-Verzeichnis folgend sind dies 400 Autographen.





Tintenfraß und seine Behandlung


Johann Sebastian Bach notierte seine Kompositionen mit Tinten, die zu einem großen Teil eisengallushaltig und oxidationsfähig waren. Die chemische Zusammensetzung der Tinten führte im Lauf der Jahre auf den beschriebenen Blättern zu zerstörerischen Prozessen. Das Papier begann zu rosten, es entstand Tintenfraß. Damit verlor das Papier nach und nach seine mechanische Festigkeit, es wurde dünner und brüchig. Zugleich breiteten sich typische, teilweise großflächige Braunfärbungen aus. An einigen Stellen kam es bereits durch Ausbrüche zu Substanzverlusten bei den Originalen. – Das Schadensbild Tintenfraß gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Papierrestaurierung. Einmal in Gang gesetzt, schreitet der Tintenfraß kontinuierlich fort und zerstört die betroffenen Areale.

In den Jahren 1984 bis 1991 führten Wissenschaftler vom Institut für Farbenlehre und Farbenchemie der Akademie der bildenden Künste Wien sowie vom Amsterdamer Instituut Collectie Nederland Projekte durch, in deren Verlauf sie den Chemismus und den Mechanismus des Tintenfraßes erklären konnten. Damit war der Weg geebnet, um gezielt nach einer Methode zu suchen, mit der die gefährdeten Autographen nachhaltig restauriert werden könnten.

Restauriertes erstes Blatt des Weihnachtsoratoriums Ab 1994 dokumentierte die Staatsbibliothek die Schadensbilder sowohl schriftlich als auch photographisch, Blatt für Blatt. Obwohl sich zu diesem Zeitpunkt noch keine geeignete Behandlungsmethode abzeichnete, war es unabdingbar, sofort den Zustand der Originale zu konservieren sowie eine spätere Schadensbehandlung so weit wie möglich vorzubereiten. - Die Schäden wurden in drei Kategorien eingeteilt: ohne Schaden, mittelschwer und schwer-/schwerstgeschädigt. Dabei wurde festgestellt, dass die Hälfte der Blätter der Bach-Autographen schwer- oder schwerstgeschädigt waren. Diese Schadenskategorie betraf einzelne Blätter diverser Werke, darunter Matthäus-Passion (BWV 244), Johannes-Passion (BWV 245), Weihnachtsoratorium (BWV 248), Magnificat (BWV 243), Kantate Sie werden aus Saba alle kommen (BWV 65), Motette Singet dem Herr ein neues Lied (BWV 225), Kantate Jauchzet Gott in allen Landen (BWV 51), Kantate Mein Herze schwimmt im Blut (BWV 199), Kantate Gott fähret auf mit Jauchzen (BWV 43), Kantate Ich will den Kreuzstab gerne tragen (BWV 56), Klavierbüchlein für Anna Magdalena Bach von 1725, Sonate für Querflöte und obligates Cembalo in h-Moll (BWV 1030). (– Diese Werke waren später unter jenen, die im manuellen Papierspaltverfahren behandelt wurden.)

Um ein Fortschreiten des Tintenfraßes und damit die weitere Schädigung der Originale aufzuhalten, wurden die Autographen nach der Dokumentation in den konservatorisch bestmöglichen Zustand versetzt: Alle Bindungen wurden gelöst und zwischen die einzelnen Blätter spezielle Trennblätter gelegt sowie passgenaue Konservierungskassetten zur Aufbewahrung der Originale angefertigt.

Im Jahr 1997 begann die Staatsbibliothek mit der Sicherheitsverfilmung und damit der Sicherung der Informationen dieser Quellen, die von unschätzbarem Wert sind. Wegen der Bedeutung der angebrachten Korrekturen in den Originalschriften J. S. Bachs, der verschiedenen Tinten sowie Farbstifte und wegen des kritischen Erhaltungszustandes erfolgte die sensible Farbverfilmung auf einem Duplicating Film Fujichrome CDU Typ II. Von den Vorlagen wurden in einem manuellen Verfahren Mikrofiches erstellt, welche als Gesamtedition durch den Saur Verlag München der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

In den Jahren 1997 und 1998 fanden in der Staatsbibliothek zu Berlin wissenschaftliche Symposien statt, um den aktuellen Stand der Forschung zu diskutieren sowie die bestmögliche Methode für die Restaurierung der empfindlichen Autographen zu identifizieren.

Das Papierspaltverfahren


Seitens der Verantwortlichen der Bibliothek wurden die Bach-Autographen stets mit größter Sorgfalt und entsprechend dem jeweils neuesten Stand der Forschung zur Bestanderhaltung behandelt. Seit den 1920er Jahren, in denen man das Ausmaß der zu erwartenden Schäden durch Tintenfraß erkannt hatte, wurden durch einen renommierten Restaurator einzelne Blätter aus der Bach-Sammlung zur physischen Stabilisierung und um weiteren Verlust zu verhindern mit Chiffonseide überzogen. Der chemische Prozess des Tintenfraßes im Innern der Blätter konnte so jedoch nicht gestoppt werden.

Im Jahr 1998 – anlässlich eines der wissenschaftlichen Symposien - wurde das Papierspaltverfahren bekannt: In jahrzehntelanger Arbeit hatten die Restauratoren Günter Müller (Jena) und Prof. Dr. Wolfgang Wächter (Leipzig) das im 19. Jahrhundert in England entwickelte Papierspaltverfahren für die Papierrestaurierung nutzbar gemacht und es so optimiert, dass sein Einsatz in Frage kam. Nach gründlicher Abwägung – u.a. wurden weitere wissenschaftliche Gutachten eingeholt – fiel die Entscheidung, Prof. Dr. Wolfgang Wächter die technische Leitung für die Behandlung der Bach-Autographen mittels des manuellen Papierspaltverfahrens zu übertragen.

Bundespräsident Johannes Rau und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, beobachten in der Restaurierungswerkstatt das Papierspaltverfahren Von der Mitte des Jahres 2000 bis zum Ende des Jahres 2003 wurden mit dieser Methode die fragilen Bach-Handschriften bearbeitet. Dabei restaurierte Prof. Dr. Wolfgang Wächter in Leipzig rund 2.700 Blätter, die drei von ihm ausgebildeten Restauratorinnen der Staatsbibliothek behandelten in der Restaurierungswerkstatt im Haus Unter den Linden knapp 900 Blätter.

Bei diesem manuellen Verfahren wird – vereinfacht ausgedrückt – das Original eines Blattes in Vorder- und Rückseite gespalten, sodann wird ein alkalisch gepuffertes Papier eingelegt, das das wieder zusammengefügte Blatt mechanisch stabilisiert; zugleich wird der Prozess des Tintenfraßes durch die dabei erfolgte chemische Behandlung gestoppt.

Als Ergebnis des Papierspaltens kann festgestellt werden:
  • Die Schwermetallionen sind in nachweisbaren Größenordnungen entfernt, noch verbliebene sind komplexiert. Damit ist der Tintenfraßprozess zum Stehen gekommen. Eine alkalische Reserve aus Kalziumcarbonat gewährleistet eine lange Lebensdauer.
  • Durch das Einfügen des Kernmaterials ist das Blatt stabilisiert, Fehl- und Schwachstellen sind ergänzt.
... und nach der Restaurierung mittels Papierspaltverfahrenn Fehlstelle in der Matthäuspassion vor der Restaurierung (im Bild rot unterlegt) ...

Umfang und Finanzierung der Bach-Restaurierung


3.579 Blätter, die schwer- und schwerstgeschädigt waren, sind restauriert. Für die Restaurierung selbst, die Materialien, die Transporte und Versicherungen waren erhebliche Mittel aufzubringen, welche von Bach-Liebhabern aus aller Welt gespendet wurden: 1,8 Millionen Euro kamen ausschließlich aus privater Hand. Ergänzt wurden diese Spenden durch sachbezogene Mittel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Einrichtung der Restaurierungswerkstatt und vom Bundesverwaltungsamt/Zivilschutz zur Finanzierung der vorbereitenden Arbeiten, insbesondere für die Sicherheitsverfilmung der Autographen.

Die Kampagne KulturGut Bewahren – Bach Patronat


Der Unterstützerkreis der Bibliothek – die Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. – rief unter dem Motto KulturGut Bewahren das Bach Patronat ins Leben. Die Resonanz auf den weltweit verbreiteten Aufruf, für die Rettung der Bach-Autographen zu spenden, war groß:

1.100 Personen, Firmen, Freundeskreise, Stiftungen, Schulklassen, Kirchengemeinden, Künstler u.a. spendeten Geldbeträge. Die Spenden gingen aus Argentinien, Belgien, China, England, Spanien, Frankreich, Japan, Niederlande, Österreich, Schottland, Schweden, Schweiz, den U.S.A. und größtenteils aus Deutschland ein.

Die Beträge rangierten zwischen 5 und 440.000 Euro, jeder Spender erhielt eine Dankesurkunde für das Engagement. Die Großspender waren mit über 50.000 Euro die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, BASF Aktiengesellschaft, The Packard Humanities Institute; mit 90.000 Euro Dr. Christian Schwarz-Schilling; mit 233.000 Euro Montblanc International GmbH und mit 440.000 Euro die Hermann Reemtsma Stiftung.
 
Begriffsklärung: Tintenfraß